Vortrag von Dr. Andreas Segerer, Schmetterlingsexperte u.a. in Bernau, 03. Februar 2019

Am 3. Februar kam auf Einladung der Bernauer Grünen der Biologe Dr. Andreas Segerer, Insektenforscher an der Zoologischen Staatssammlung München und Präsident der Münchner Entomologischen Gesellschaft, nach Bernau. Im Gasthof Alter Wirt hielt er vor dem ca. 40-köpfigen Publikum einen Vortrag über notwendige Maßnahmen zur Erhaltung der Artenvielfalt und das dazugehörige Volksbegehren, als dessen Fachreferent er auch tätig ist.
Segerer begann seine Erläuterungen mit einem Blick auf die Geschichte der Osterinseln im Pazifik, deren Bewohner innerhalb von 200 Jahren ihre Lebensgrundlagen zerstört und daraufhin infolge von Verteilungskämpfen fast ausgestorben waren, als die Europäer sie entdeckten. Genauso lebt die ganze Menschheit gewissermaßen auf einer Insel, nämlich der Erde, deren natürliche Lebensgrundlagen bewahrt werden müssen, wobei den Insekten eine genauso wichtige Rolle zukommt wie dem Weltklima: nicht nur, weil sie für zahllose Wild- und Nutzpflanzen als Bestäuber dienen, und daher ohne sie die Landwirtschaft ziemlich schnell zusammenbräche, sondern auch, weil sie Exkremente, tote Tiere und Pflanzen zersetzen, uns so vor der Verbreitung von Keimen und Seuchen bewahren und darüber hinaus anderen Tieren (z.B. Vögeln) als Nahrung dienen.
Die Lage ist alarmierend: Obwohl bereits seit dem 19. Jahrhundert ein Rückgang der Insektenpopulationen bekannt und durch zahlreiche, seit langem erstellte Studien vielfach belegt ist, hat die Politik bisher Warnrufe konsequent in den Wind geschlagen. Der Rückgang hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm beschleunigt, und seit den Achtzigerjahren sind die Insektenbestände um gut 75 Prozent zurückgegangen (bei insektenfressenden Wildvögeln beträgt der Rückgang etwa 50 Prozent), zahlreich Arten sind bereits gänzlich ausgestorben oder stark gefährdet, sodass nun die Bürger/innen selbst die Gesetzgebung in die Hand nehmen und den Druck auf die Politik erhöhen müssen. Im Volksbegehren geht es-entgegen des geläufigen Titels „Rettet die Bienen“ keineswegs nur um die Bienen – geschweige denn nur um domestizierte Honigbienen – sondern um alle Arten.
Konkret sieht der Gesetzentwurf, der dem Volksbegehren zu Grunde liegt, u.a. bessere Verbindungen von Biotopen vor, z.B. durch Blüh- und Gewässerrandstreifen, wie letztere in allen Bundesländern außer Bayern schon selbstverständlich sind. Zwar gibt es schon Biotope, die aber oft wie lauter kleine Inseln voneinander getrennt sind, sodass die dortigen Lebewesen u.a. durch Inzucht schnell geschwächt werden. Außerdem soll der Pestizideinsatz stark reduziert und der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Flächen bis 2030 auf 30 Prozent gesteigert werden, denn große Teile der Pestizide verteilen sich weiträumig, auch in die Biotope.
Auch wenn z.B. Verkehr, Lichtverschmutzung, oder gar das Sammeln von einzelnen Insekten zu Lehr- und Forschungszwecken eher geringe Auswirkungen auf die Bestände haben, betonte Segerer wiederholt, dass dafür keineswegs die Bäuerinnen und Bauern an den Pranger gehören. Vielmehr liegt das Problem bei einer verfehlten Agrarpolitik, die die Bauern in den Teufelskreis „Wachse oder weiche“ zwingt und sie in eine neue Abhängigkeit von Nahrungsmittelkonzernen, Saatgut- und Pestizidherstellern drängt.
Gerade viele kleinere statt wenige große Betriebe eignen sich hervorragend, um unsere artenreiche Kulturlandschaft zu erhalten. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (ABL) unterstützt das Volksbegehren daher auch aktiv.
Auf den Vortrag folgte eine ausführliche, teils auch kontroverse Debatte, allerdings sagte kein Teilnehmer, alles sei gut und könne weitergehen wie bisher. Insgesamt überwog aus dem Publikum eindeutig der Zuspruch, und der Referent erhielt viel Lob und Dank. Die Eintragungsfrist für das Volksbegehren läuft noch bis 13. Februar in den Rathäusern!

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.

Verwandte Artikel